Sehen: Originale im Musée d’Orsay / Paris

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Durch diverse Medien, die unser Leben umgeben, glauben wir zu wissen, wie Bilder aussehen und wirken.
Lange bevor wir das Original betrachtet haben, ist das Urteil gefällt. Wir sehen eine Druckversion in einem Buch oder Katalog und der Computerbildschirm liefert uns je nach Farbeinstellung seine Version.
Wir erahnen nichts über die Wirkung des Farbauftrages oder welchen Einfluss die Größe des Bildes auf den Betrachter hat. Feine Farbnuancen, die nur das menschliche Auge wahrnehmen kann, gehen durch kostengünstige Druckverfahren verloren. Gerade diese Nuancen können es jedoch sein, die ein Bild dem Betrachter den Atem nehmen.

Während meines letzten Aufenthalts in Paris habe ich mir im Musée d’Orsay die Sonderausstellung: »Geheimnis und Leuchtkraft, die 100 schönsten Pastelle des Museums« angesehen.
Schon beim Betreten des ersten Raumes ahnte ich, welche Wellen diese Ausstellung in meiner Künstlerseele schlagen würde.

Zum ersten Mal stand ich einem Original der Pastellmalerin Rosalba Carriera gegenüber. Anfang des 1800 Jahrhunderts hatte sie einen durchschlagenden Erfolg mit ihren Pastellportraits am königlichen Hof Ludwig des XV.
Mir waren ihre Bilder immer ein wenig zu süßlich, aber dort vor dem Original verstand ich zum ersten Mal, worin der Reiz ihrer Portraits lag und dass es ihr gelang, diese aristokratische Ausstrahlung einzufangen.
Sehr spannend ist auch die Bildoberfläche betrachten zu können. Carriera muss auf Ingres ähnlichen Papier gemalt haben und neigte ordentlich zum Verwischen. Bei genauere Betrachtung kann man die dafür typischen »Wollmäuse« auf der Papieroberfläche sehen.

In den nächsten Räumen folgte die Steigerung über Bilder von z. B. Millet oder Mary Cassat, bis mir schließlich die Pastelle von Edgar Degas den Atem raubten.
Ich warte noch immer auf die Freigabe des Museum für Fotos, die ich dort gemacht habe, so dass ich an dieser Stelle nur auf die entsprechenden Bilder verlinken kann.
(Einfach auf die Bildtitel klicken).

Die Bilder waren so gehängt, dass der Besucher zuerst auf das Bild »Danseuse au bouquet, saluant sur la scène« von 1878< zuging. Erstmals habe ich wirklich verstanden, warum es so häufig in Büchern und Katalogen abgebildet ist. Bis dahin fand ich es eher öde und doof. Die beiden orangefarbenen Schirme haben solch eine Strahlkraft, die in jedem Druck verloren gehen, wie die gesamte Lichtsituation überhaupt. Sein Bild »Danseuses«, welches ich zuvor in keinem Buch gesehen habe, hat bei mir ein absolutes Novum ausgelöst: Ich war zu Tränen von einem Bild gerührt.
Die Farben sind wesentlich wärmer, als auf dem Computerbildschirm zu sehen ist und das fantastische Licht geht im Katalog bzw. der Internetdarstellung des Museums leider völlig verloren.

In den beiden Räumen, welche Edgar Degas Bilder gewidmet waren, hielt ich mich über drei Stunden auf, habe einfach nur da gesessen und gestaunt.

Nach dem leuchtenden Farbrausch dieser Ausstellung wurde mir wieder sehr bewusst, welch unglaubliche Leuchtkraft Pastelle besitzen, die auch über die Jahrhunderte nicht verloren geht.
Anschließend schaute ich mir einige Ölgemälde der großen Impressionisten an – sie konnten mich von ihrer Farbdarstellung nicht so beeindrucken, wie zuvor die Pastelle.

Diese Ausstellung zeigte Pastellbilder, die ausschließlich aus den Beständen des Museums kommen. Pastellliebhaber, die eine Reise nach Paris unternehmen, können sämtliche Bilder in der Daueraustellung sehen.

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